Ein kurzer Auszug aus dem Buch (Seiten 9 - 14):

1. Einleitung

Kinder, aber auch Erwachsene, brauchen Grenzen nicht nur
> zur Orientierung im Leben oder
> zum Schutz für andere oder für sich selbst,
> sondern Grenzerfahrungen können auch stärkend und heilsam sein.
Aber Grenzen setzen fällt nicht leicht.
1.1. Unsere persönliche Geschichte mit Grenzen-Setzen
1.2. Das Doppelgesicht der Grenze
1.3. Ziele des Dialogisch-Grenzen-Setzens
1.4. Es braucht im gewissen Sinne "Bekehrungen"

Die grenzenlose Erziehung ist out!
Welche Gefühle verbinden wir mit diesem Satz?
   Die Älteren unter uns werden sich noch an die Ära der antiautoritären Erziehung erinnern, mit dem Traum, der Hoffnung, dass Kinder, die ohne Grenzen, v.a. ohne die von Erwachsenen gesetzten, aufwachsen, freie(re) Menschen werden würden.
   Manche Eltern verzweifeln beinahe an dieser Aufgabe, ihren Kindern Grenzen-Setzen zu müssen, zu wollen, zu dürfen, zu können, zu ...
   Und die Jüngeren, sehnen sie sich nicht manchmal nach Menschen, die klar Nein sagen und auch Nein meinen, auf deren Ja man sich aber genauso verlassen kann?
   Und wir alle, sind unsere Gefühle bei dem Wort Grenzen nicht mehr negative, haben wir nicht Sorge, daß Grenzen-Setzen Gewalt, Missbrauch, Willkür und Entwürdigung bedeuten könnte?

Kinder brauchen Grenzen, darüber sind sich alle Fachleute einig, Grenzen allerdings, die in Liebe und zuverlässig gesetzt werden.
Kinder, die ohne Grenzsetzungserfahrungen aufwachsen, können innerlich ohne Halt, nach außen hin orientierungslos werden.

Wir brauchen Grenzen, um uns im Leben zurecht finden zu können. Grenzen zeigen den Weg an, wie die Leitplanken einer Autobahn. Um in diesem Bild zu bleiben, diese Leitplanken schützen auch gleichzeitig die Autos vor einander, so wie es Grenzen im Leben tun.

Aus einem Lehrbuch für Entwicklungspsychopathologie:

"Wohlwollende und liebevolle erziehliche Grenzsetzung ist für die Strukturentwicklung des Kindes unbedingt notwendig! Fehlt eine solche Grenzsetzung, entstehen beim Kind unrealistische Erwartungen von Erfüllbarkeit, werden Größenphantasien genährt, und das Kind ohne Hilfe und Anleitung bis zum persönlichen Mißerfolg geführt, der unberechenbar bleibt, so daß letztlich für das Kind die Möglichkeit zur Kontrolle über die Situation eingeschränkt wird. Mangelnde Frustrationstoleranz und mangelnde soziale Kompetenz können die Folge sein." (Resch S.72f)

Ein besonderes Anliegen dieses Leitfadens, ja geradezu sein Schwerpunkt ist, es zu erklären, dass Grenzerfahrungen auch stärkend und heilsam für unsere Kinder sein können.

Es ist also zunächst im Sinne des Kindes dringend notwendig, dass Eltern zu einem verantwortungsvollen, in Liebe erfolgten Grenzen-Setzen angeleitet werden.
Aber nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern! Denn sehr oft und sehr leicht erleben diese sich als überfordert und hilflos, mit ihren Kindern, die Grenzen überschreiten oder (noch) keine kennen, zurecht zu kommen.

In vielen Begegnungen zeigt sich, dass Grenzen-Setzen den meisten schwer fällt. Wir wären froh, wenn wir immer nur Ja zu sagen bräuchten, auch zu unseren Kindern. Dem Widerstand oder den Schwierigkeiten dieses Neins der Grenze würden wir gerne ausweichen.
Wir alle haben unsere Erfahrungen mit dem Grenzen-Setzen, als solche, die Grenzen setzten, und als solche, die Grenzen gesetzt bekamen!

1.1. Unsere persönliche Geschichte mit dem Grenzen-Setzen

Wir alle haben unsere eigene Geschichte mit dem Grenzen-Setzen, ebenso unsere Gesellschaft und unsere Zeit.

Grenzen wurden schon immer gesetzt, wenn auch manchmal willkürlich, heimlich, nachgiebig, reaktiv, aggressiv und/oder mit körperlicher Gewalt.
Ich erinnere mich an manche Autofahrt mit den Kindern am Rücksitz. Meistens auf der Heimfahrt, wenn es ihnen zu langweilig wurde, fingen sie miteinander zu streiten an und lauter zu werden. Dies wiederum regte mich als Fahrer auf, auch weil es mich ablenkte. Wenn sie dann meinen mehr oder weniger ärgerlichen Anweisungen, Ruhe zu geben, nicht nachfolgten, habe ich, der möglichst auf Gewalt in der Erziehung verzichten wollte, mal so heimlich, im Dunklen des Autos, nach hinten gegriffen, und mal so zugezwickt, was mir da an Kinderbeinen oder -händen in die Finger kam.

Verwirrend viele Gefühle und Gedanken können für Eltern mit dem Grenzen-Setzen verbunden sein:
   Verunsicherung, welche Grenze wann wie dran ist
   Ängste, die Selbstbeherrschung zu verlieren
   wegen Überforderung, zornig zu werden, was man auf jeden Fall vermeiden möchte
   Hilflosigkeit, weil man sich letztlich doch nicht durchsetzen kann

Wir meinen, dass es uns um eine neue Art und Weise des Grenzen-Setzens gehen muss, die wir die dialogische nennen (in Anlehnung an den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, der diesen Begriff bekannt gemacht hat.)

Dies erfordert eine menschliche Reife und einen eigenen Lernprozess, zu dem wir ermutigen und auch Anregungen geben möchten, in einer dialogischen Haltung Grenzen zu setzen.


Was sollten wir schon vorläufig unter dialogischer Haltung beim Dialogisch-Grenzen- Setzen (in Zukunft D-G-S abgekürzt) verstehen? (Kap.3 dann mehr)
   Zunächst gilt es im engen inneren Kontakt mit dem Kind zu bleiben, trotz des Widerstandes. D.h., die Beziehung soll nicht abbrechen. Die Grenze darf uns nicht trennen!
   Dabei sich selbst ehrlich einzubringen, trotz eigener Anspannung, das muß erst gelernt werden.
   Hilfreich wird sein, wenn wir das Kind, in seinem störenden Verhalten verstehen lernen.
   Ein weiterer wichtiger Bestandteil des D-G-S ist die Bereitschaft, gemeinsam die aktuelle Grenze zu "finden". Wir nennen das die lebendige Grenze. (Siehe 1.4. und Kapitel 4)

Die dialogische Haltung gewinnt dadurch zusätzlich an Notwendigkeit, dass Grenzerfahrungen auch stärkend und heilsam für unsere Kinder sein können: Jede Grenze hat nämlich zwei Gesichter, eine schützende und ein bedrohliche.
Ohne eine dialogische Haltung kommt es zu keiner schützenden Grenz-Erfahrung beim Kind.

1.2. Das Doppelgesicht der Grenze

Die meisten schätzen Ps.139,5 "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." als ein Wort der Geborgenheit und des Schutzes.
Schauen wir uns diesen Vers nicht in der Übersetzung Martin Luthers, sondern in der von Martin Buber an: "Hinten, vorn engst du mich ein, legst auf mich deine Faust.", dann stellen sich anstelle von Geborgenheit Gefühle der Bedrohung, der Einengung oder der Ausweglosigkeit ein.
Beide Übersetzungen sind vom hebräischen Grundtext her legitim. Und beide Gefühlsmomente, Geborgenheit oder Bedrohung, können auch bei jeder Grenzsetzungserfahrung entstehen, wenn auch manchmal nur im Ansatz, manchmal auch als innere Entscheidungsmöglichkeit für eines der beiden Grundgefühle.
Deshalb sprechen wir von dem Doppelgesicht der Grenze.

Als Menschen einer gefallenen Schöpfung wird für uns bei jeder Grenzsetzungserfahrung der Aspekt der Bedrohung und Einengung stärker im Vordergrund stehen.

Dialogisch-Grenzen-Setzen möchte die andere Seite der Grenze, ihr anderes Gesicht, nämlich die Gefühle der Geborgenheit und der Sicherung aktivieren, zumindest als Entscheidung ermöglichen.

Doch zunächst wir, wie gesagt, jede Grenze, die wir gesetzt bekommen, für uns, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, eine Bedrohung darstellen, die Gefühle der Angst oder der Ablehnung auslösen kann.

In welchem Maße dies geschieht, wird durch drei Faktoren bestimmt:
   Die aktuelle Bedeutung der Grenze für mich Wenn ein Kind einen bestimmten Film nicht anschauen darf, dann wird diese Grenz-Setzung kaum Ablehnung beim Kind erzeugen, wenn ihm der Film sowieso nicht wichtig ist.
   Meine Beziehung zur grenzsetzenden Person (Vertrauen oder Angst o.ä.) Ist die Beziehung zur Person, die den Film verbietet, gestört, kann dieses Verbot viel mehr als im ersten Fall als Ablehnung erlebt werden.
   Meine früheren Erfahrungen mit Grenzen und/oder mit der spezifischen Grenze. Wurde dem Kind schon häufig Fernsehverbot erteilt, häufig auch als ungerecht und willkürlich erlebt, oder haben wir vor uns ein Kind, das grundsätzlich mit Grenzen nicht umgehen kann, dann können wir damit rechen, dass auch ein "unwichtiger" Film zu Ablehnungsreaktionen führen wird.

Grenzsetzungswiderfahrnisse - und das ist nun ein spezielles Ziel des D-G-S, geben eine Chance, nicht lediglich frühere Ablehnungserfahrungen und seine Reaktionen darauf zu wiederholen und zu stabilisieren, sondern vielmehr aufgrund der dialogischen und tröstenden Erfahrung beim Grenzen-gesetzt-Bekommen zu einem vertrauensvollen Einwilligen zu finden. Dabei können sich wesentliche personale Basiskompetenzen wie v.a. das Urvertrauen nach entwickeln.
Das Kind bekommt eine Entscheidungsmöglichkeit für einen Vertrauensschritt, weil es im D-G-S für sich eine doppelte Botschaft empfängt: Die gleiche Person, die ihm nach seinem Empfinden übel will, weil sie eine Grenze setzt, steht dennoch zu ihm, bricht die Beziehung nicht ab, lehnt es (das Kind) nicht ab, bleibt bei ihm.
Und, wenn das Kind diesen Vertrauensschritt wagt, kann Misstrauen in seinem Herzen besiegt werden.
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